[von Linnea Gehlert]

Einmal innehalten. Die Hände ausschütteln und einstäuben. Die Route planen. Dann geht ein Ruck durchs Seil. Den nächsten Griff packen und sich nach oben ziehen und danach wieder runter. Den festen Boden unter den Füßen spüren. So funktioniert das eigentlich.

Im Seil hängen zum entspannen, zum planen. Jederzeit weiterkönnen. Vielleicht haben viele Pausen einfach ihren Reiz, weil wir jeder Zeit weiterkönnen. In dieser nicht. Wir hängen nicht in einem Seil vor der Lieblingsroute auf dem halben Weg nach oben. Wir machen kein Mittwochabend-klettern zum Entspannen. Wir machen eine Kletterwandprüfung. Wir hängen einen achthundert Kilo Betonklotz an jede einzelne Öse der Wand, um zu überprüfen, ob sie noch genauso stabil sind wie im Jahr davor und in dem davor und so weiter. Im Zweifelsfall rettet das Leben.

Aber das bedeutet für den Kletterenden auch immer wieder ein Stück nach oben oder unten zu rücken. Immer wieder seitlich auszuweichen, damit jemand anderes am Seilzug zieht, bis sich der Klotz vom Boden abhebt. Das ist Teamarbeit. Da braucht es einen, der sichert und einen der klettert, um die Gurte einzuhängen und jemanden am Seilzug und jemanden, der die Fotos macht für die Dokumentation. Aber für den Kletterer bedeutet das eben oft auch im Seil zu hängen. Nicht innezuhalten, sondern auszuharren. Und für manche mag das am Anfang schön sein, für viele auch nicht. Denn da oben ist es kalt und seine Hände hat man ja auch wirklich schnell ausgeschüttelt und eigentlich möchte man weiter. Nach oben oder nach unten ist dabei eigentlich egal, weil es das gleiche Ziel hat. Man verlässt sich, wenn man im Seil hängt. Und das stört nicht, das tut man ja sonst auch. Aber man verlässt sich lange und unter einem, da wird an einem Seilzug gezogen und diskutiert und geredet. Unter einem passieren Dinge. Es ist kein gutes Gefühl, zu warten, während andere Dinge tun.

Aber was sind denn die Alternativen? Natürlich kann man das schneller vorüberbringen. Viele Ösen werden ja im Alltag gar nicht benutzt, oder? Reicht es nicht die Punkte ganz oben bei den Glöckchen zu testen? Einmal hoch und runter – fertig. (Natürlich nicht, keine Frage) Aber der Gedanke ist doch folgender: Es besteht eine gute Chance, dass die Ösen noch genug aushalten – selbst wenn es keine 800 Kilogramm sind, den Menschen halten sie sicher noch ein Jahr länger. So schnell geht das ja wirklich selten runter mit der Belastbarkeit. Es gibt auch genügend Statistiken, die zeigen, dass bisher noch nie etwas passiert ist und es gibt Kletterlehrer:innen und Aufsichten, die darauf achten, dass nichts schiefgeht. Die sind dafür gut ausgebildet. Aber wenn die Öse sich durchbiegt, können auch sie letztendlich nichts daran ändern, dass es einen Unfall gibt. Spielt nicht immer eine Rolle, dass Leute da sind, die das theoretische Wissen besitzen, denn auch sie können im Notfall dann den Absturz nicht unbedingt aus eigener Kraft verhindern.

Was ist also die Alternative, wenn einem die Hände kalt werden und der Wind pfeift und der Gurt in die Oberschenkel schneidet? Natürlich wollen wir zum Boden zurück und nach oben und nicht immer von einer Seite zur anderen schaukeln. Wir wollen uns nicht länger verlassen müssen als nötig. Wir wollen endlich wieder selber nach den Griffen greifen oder wenigstens aktiv helfen.

Wir wollen nicht warten. Denn je länger wir warten, desto unbequemer wird es in der Schwebe. Desto länger hat man Zeit, über die Fallhöhe nachzudenken und sich seiner angespannten Muskeln bewusst zu werden. Die Pause verliert ihren Reiz, wenn sie nicht selbstbestimmt geschieht. Wenn man nicht selbst weiß, wann es weitergeht oder es nur ganz grob abschätzen kann und nicht weiß, ob die Kraft dann noch reicht.

Halt, sagt ihr. Man könnte ja einfach hinunterklettern und unten helfen und dann wieder rauf wenn es nötig und immer so weiter. Aber das braucht Kraft. Für jede Strecke benötigen wir dann mindestens zweimal so viel davon wie für das Warten und nicht nur wir, sondern auch der am Kletterseil. Der am Flaschenzug muss dann warten, bis man weg von der Wand ist und der mit dem Foto dann auch und dann zieht es sich hin. Auch wenn es bequemer erscheint. Auch wenn wir nicht gerne an der Wand hängen und auch wenn die Muskeln langsam zittern, ist die Frage: Haben wir die Kraft und die Zeit für dieses ständige Rauf und Runter? Haben wir sie wirklich, wenn die Kraft nicht mal zum Arme hängen lassen und sitzen bleiben, reicht?

Ich will nicht sagen, dass das Warten in der Höhe leicht ist. Für manche mag es das sein. Für andere ist es ein Kampf, weil sie weit oben schweben und weil sie all ihre Kraft brauchen, um gegen die Schmerzen zu kämpfen. Nur der, der sichert, hilft niemandem, wenn man jemanden hinunterlässt, bevor das ganze vorbei ist, um ihn dann wieder die Wand hochzujagen. Und wir haben es ja fast geschafft. Den Überhang sind wir schon durch, den steinigen hässlichen Part, für den man all seine Armkraft braucht. Jetzt noch die Kurzstrecken und dann wieder Boden. Nur noch ein bisschen harren. Die Prüfung ist doch fast geschafft.