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Älter werden

[Anni]

[Täglich werden wir älter, reisen unsere Lebensreise und fragen uns, was es denn heißt, zu leben.
Eine kleine Gedankenreise zu dem Thema „Älter werden während man das Leben lebt…“ .]

Schritt für Schritt werden wir älter.
Tag für Tag erfahrener und Jahr für Jahr ein bisschen weiser.
Sagen sie, die, die sich „alt“ nennen.

Doch eine Frage stell ich mir: wann ist mal „alt“, wann wird man „älter“ und wann ist man so richtig alt?

Das Leben, ist eine Reise.
Eine Reise, die wir spontan gebucht haben, ohne zu wissen, auf was wir uns alles einlassen müssen.
„Leb doch dein Leben“, sagen sie, „Mit dir will ich älter werden“, versprechen sie und wissen noch nicht mal, was das bedeuten soll.
Die Frage, wann man wirklich lebt, nun, das kann ich nicht beantworten.
Doch die Vorstellung allein, jeden Tag was Schönes zu sehen, was Interessantes zu lernen, Lieblingsmenschen um sich zu haben oder auch die Geduld zu besitzen, die Nicht-Lieblingsmenschen in das nächste Kühlhaus zu stecken,
ist für mich schon Tatsache genug, darüber nachzudenken, wie schön das eigentlich ist.
Das, was wir hier leben können.
Und alles, was dazugehört, erleben und wahrnehmen können.

Kannst du dich noch an deinen ersten Urlaub erinnern?
Oder als du das erste Mal in deinem Leben das Meer gesehen hast?
An eine deiner größten Enttäuschungen, die du bis heute nicht verkraftet hast und die Schlussfolgerung, die du daraus gezogen hast?
Bei mir war es mein erster Urlaub mit Papa allein.
Ich wollte unbedingt das Meer sehen.
Habe mir ausgemalt, wie wir mit Eis in der Sonne am Strand spazieren gehen,
wie mir die warmen Meereslüfte durch die Haare wehen,
Und wir, Papa und ich, den Sonnenuntergang über dem Meer ansehn.

Doch stattdessen war mein erster Blick auf ein großes, sandiges Nichts.
Die dunklen Regenwolken, die kalten Regentropfen, der kalte Regenwind und mein Gesicht voller Enttäuschung, als ich den Daich hinaufgerannt bin und feststellen musste, dass dieses „Meer“ nicht existierte.
Nach der Erklärung, was Ebbe und Flut sei, habe ich mich von meinen Palmen-Träumen verabschiedet.
Nun, Nordsee habe ich mir zugegeben etwas anders vorgestellt.
Aber hey, jetzt weiß ich wenigstens, was Ebbe und Flut ist!

Auf unserer Lebensreise erleben wir auch Ebbe und Flut.
Ebbe, in Form von Inhaltslosem Alltag, blöde Menschen, blöde Situationen, kalte Regenwetter und Enttäuschungen.
Sonne, Urlaub, Kuchen, Geburtstag, Weihnachten, Schnee, und alles was uns glücklich macht überflutet uns mit einem Lächeln im Gesicht.
Lächeln, ja das können manche nicht, oder haben es verlernt.
„Mädchen, lach doch mal“ möchte ich manchen Leuten befehlen,
aber sich über etwas freuen können, auch das kann manchmal eine Kunst sein.

Aber mit jedem Tag und jeder Herausforderung werden wir erfahrener, weiser und auch ein bisschen klüger.
Manchmal müssen wir spontan einen Urlaub buchen und mal schauen, was daraus wird.
Manchmal müssen wir lernen, mit Ebben und Fluten umgehen zu können.
Und all das, das wir auf unserer Lebensreise lernen und erleben,
das ist Älter-werden.
Geschichten erzählen, über sich selbst lachen, Wissen weitergeben und anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, auch denen, die es verlernt haben.
Doch das Schönste und wichtigste daran ist, dass man nie vergisst, was einen sein ganzes Leben zum lächeln gebracht hat.

Ich kann nicht sagen, was es heißt, zu leben.
Aber ich kann sagen, dass es schön ist. Und dass ich älter werden will.
Dass ich all das erleben möchte und später, wenn ich alt bin, an all das älter werden denken kann und darüber lächeln kann.

(Lieber Papa,
eigentlich interessiert dein Alter niemanden, es sei denn, du bist ein Wein.
Aber das Älterwerden das ist was schönes.
Dafür wünsche ich dir alles Gute, viele spontane Tickets, viele Sonnenfluten und manchmal ein Kühlhaus in den richtigen Momenten.)

Leb dein Leben, reise und lach
und tu das, was dich beim älterwerden glücklich macht.

Die Kunst

[von Karl Kaspar]

[Von dem Fisch in der Vase meiner Freundin]

Teil 1
Stunden, Tage, Wochen
Lieg ich auf den müden Knochen.
Und ich warte so erbärmlich
auf die Liebe die mich wärmt.
Ich denke: Niemand kann und wird
mich lieben wie es sich gehört.
Also mach ich mit Strichen Schluss
und tränk mein Leid in Zuckerguss.

Teil 2
Blob

Blob

Blob


Das war ein Fisch. Ich lade lustige Fischvideos auf YouTube hoch.

Blob

Ich habe eine Freundin. Ich hatte eine Freundin. Ich habe einen Fisch.

Blob

Marie hat mich verlassen.
Ich hätt nicht alle Tassen.
Ich könnte nichts verstehen,
würde selten mit ihr gehen.
Marie hat mich verlassen.
Seitdem klingeln ihre Kassen.
Ich zahle Unterhalt für Kinder,
– obwohl wir keine hatten.

Blob

Marie war eine Rose
in mei`m Blumenwarenladen.
Eine rote, große, lose
lebte sie in einer Vase.
Ich goss sie Tag und Nacht
und wenn der Tag von vorn begann,
dann entblühte sie und zeigte jedem,
was sie alles kann.

Blob

Doch Liebe währt nicht ewig.
Ich wurde meiner Treue ledig.
Und ich kaufte einen Dorsch
und setzte den in ihren Käfig.
Sie war sichtlich verletzt
und letzte Blätter vielen ab.
Viele Streitgespräche hielten
uns von gegenlieben ab.

Dann hat sie mich verlassen.

Sie war nicht in der Vase
dort, auf meinem Tisch.
Denn in der Vase schwimmt
nur ein kleiner grauer Fisch.

Blob

Teil 3
SCHMERZ

Teil 4
Kunst versteht man nicht, es sei denn Kunst ist verständlich gemacht.
Es ist halb 8, spät und tief schläft sie ein – die menschliche Existenz im grauen Alter.
Falter, hoch sie fliegen weit, dem Himmel hoch und immer höher.

Kunst wird fast nur weggeworfen, sinnig und fahrlässig –
Ich singe ein wenig und fahre lässig im Cabriolet.      
Oh jemine.
Ein Zweckreim und mein Tank ist leer.
Das Ziel zu weit, der Weg zu schwer.

Kunst ist eine Blume, aber eher so ’ne rote.
So mit Stacheln, wie ’ne Rose, aber doch keine.
Ich leide.                                        
Ich weiß nicht mehr warum und wieso, bin zu dumm.  
Ich versage, was `ne Plage und dreh das Klausuren- Blatt um.

Stumm.

Zum Schluss ein Resümee
und eine heiße Tasse Ingwertee.
Kunst ist eine Sache, die der Masse gut gefällt.  
Aber für mich gilt das so nicht, denn ich hab NWT gewählt.

Ende(?)

Vom Hoffen und Träumen

[von Feli Müller]

[Wenn ich raus gehe zum einkaufen oder um mich mit Freunden zu treffen sind meine Gedanken, ob ich meine Schlüssel dabei habe, wann und wie ich nachhause gehe und so weiter. Wenn ich in eine Polizeikontrolle komme, frage ich mich ob ich meinen Führerschein tatsächlich dabei habe.
Wenn ein PoC, (Person of Colour), das Haus verlässt, egal weshalb, ist unter den tausenden Gedanken die man so hat auch immer der Gedanke, ob man wieder nachhause kommt.
Wir, die dieses Privileg haben, nicht über sowas nachdenken zu müssen, müssen das erkennen und unser Privileg nutzen, etwas dagegen zu tun.
Rassismus ist Teil unserer Gesellschaft und es liegt an jedem von uns, das zu ändern.
Dazu habe ich ein paar Zeilen geschrieben und dass ist das mindeste, was jeder von uns tun kann, das Privileg erkennen und bekämpfen. Mensch ist Mensch.]

Tiefrot färbt sich der zerrissene Stoff,
knietief stecken wir drin,
kniend um das Überleben kämpfend
Die Hand zu einer Faust geballt,
doch wir wollen keine Gewalt,
gehen schon lang genug durch diesen Krieg,
gedrängt von unseren Träumen in denen endlich jemand rief:
Wir haben gesiegt!
Gedrängt von unserer Angst, dass Träume Träume bleiben
und Menschenverachter weiter diese Welt in ihren Händen halten.
Gedrängt von dem grauenvollen Gestern und dem beängstigenden Morgen, versuchen wir uns heute an Veränderung, an einem Stück mehr Gleichberechtigung, um irgendwann nach hunderten von Jahren, Seite an Seite, als Menschen zu gehen, keine Grenzen mehr zwischen uns zu sehen und unseren Kindern und deren Kindern ein besseres Beispiel von Frieden vorzuleben.

Gemischte Gefühle

[von Franziska Rieker]

Wir Menschen können manchmal komisch sein mal sind wir groß, mal sind wir klein. Wir schreien uns an und ich denke mir, was ist nur los mit uns Mann!
Wir machen es uns nie recht. 
Ist es wirklich so schwer jetzt in echt?
Wir alle haben gemischte Gefühle, 
doch die sind alle in unserem unordentlichen Gewühle.

Manchmal habe ich Wut in mir, 
die lasse ich dann raus an dir. 
Es ist mir echt peinlich gegenüber dir so zu sein. 
Eigentlich stimmen wir doch immer gegenüber ein, du bist ja auch mein.

Dass ich so manchmal bin?
Macht das alles überhaupt einen Sinn?
Dass wir überhaupt so viele Gefühle haben, darüber war ich mir noch nicht wirklich im Klaren.
Wir kennen uns schon so lange, wenn ich so komisch zu dir bin, wird es mir ganz bange.

Wir lieben uns doch eigentlich, 
aber an diesen Tagen merke ich es einfach nicht, meine Gefühle spielen verrückt,
in diesem Moment ist mir alles missglückt.
Dies alles, was ich getan habe, tut mir leid, es war ja nicht nur eine Kleinigkeit.
Ich habe dich angeschrien, dich geschlagen, eigentlich traue ich mich das nicht zu wagen.

Wir Menschen können manchmal komisch sein, diese Meinung ist nicht nur mein.
Wir haben viele gemischte Gefühle in all unserem Gewühle.

Manchmal merke ich, dass sich meine Muskeln zusammenziehen 
Und denke mir dann, ich muss fliehen. 
Immer schneller pocht mein Herz 
und stärker wird der Schmerz.
Ich habe das Gefühl, ich muss schreien ganz laut 
und ich spüre, dass sich ein Gewitter aufbraut.
Auf einmal bricht alles aus mir aus.
In dem Moment denke ich nur, ich muss hier raus,
raus aus diesen engen Wänden, 
damit ich wieder kann frei denken.
Langsam beruhige ich mich wieder 
die Spannung geht raus aus meinen Gliedern
und langsam bin ich ich selber wieder.
Wir Menschen haben gemischte Gefühle,
doch die sind alle in unsrem Gewühle.

Ja hef (arab. ~Schade)

[von Lena Sophie]

[Ich arbeite bereits seit meinem 15. Geburtstag in der Flüchtlingshilfe, das sind jetzt schon beinahe 5 Jahre. Die Erzählungen der Menschen treffen mich aber immer noch regelmäßig mitten ins Herz, denn jedes Mal, wenn man denkt es geht nicht schlimmer, setzt ein paar Tage später jemand mit seiner Lebensgeschichte noch einen drauf. Dieser Text soll im besten Fall wachrütteln und euch Lesern / Zuhörern ein wenig in die emotionale Welt unserer Mitmenschen mitnehmen.]

„Wir kämpfen mit Freiheit gegen Waffen.
Ein Marathon ins Nirgendwo,
doch nur so können wir es schaffen.
Mutter, du sollst nicht traurig sein.
Mein Tod wird sich rächen.
Sei stolz auf mich und bleibe stark,
denn die Hoffnung, die wird leben.“

-„Ana thalea adsaher“ von Abdulbased Alsarut / frei übersetzt

Schreie.
Doch die Stille rauscht laut durch meine Ohren,
Dort unten, am Boden
Ist das Parolenschwingen ausgestorben
Verloren auseinandergestoben
Sind die Kopftuchträger-Massen
Deren grün-weiß-schwarz verdrehte Welt
Den Gegnern der Freiheit trotzt.

Ich knie starr vor dem Fensterloch.
Meine Knöchel sind weiß wie die Wand.
Ich kralle mich am Rand des Fensters fest
Und hoffe das gibt mir ein wenig mehr Halt.
Ich sammle Kraft
Und luge durch das schwarz-verbrannte Loch
Runter auf den Asphalt
Ich sehe sie liegen.
Bedeckt von Asche, Schutt und Grausamkeit
Fensterscherben zerschneiden langsam meine Haut,
Doch ich merke nur wie Gleichgültigkeit
Mir den letzten Atem raubt.
Ich stehe auf.
Vor Augen den Löwen, der seine letzte Mahlzeit verdaut,
Die 20 Millionen Futter-Menschen,
Ihre Käfige hat er doch vor Jahren schon erbaut.
Tränen schlagen Rinnen in den Staub auf meiner Haut –

Stopp! Schreie ich
Und von meinen Händen läuft Blut.
Allahu akbar (arab. Gott ist groß),
Gott du bist groß.
Nimm mich zu dir,
Ich flehe dich an.
Musaede (arab. Hilfe),
So hilf mir doch!
Ich laufe durch die Straßen,
Sehe graue, staubige Massen
Wie Kieswerk-Gassen,
Deren letzter Atemzug
Noch durch meine Lunge muss.
Mein rot getönter Blick zieht Kreise,
Deren Weite
Meine Enge Brust noch enger schürt.
Kälte frisst sich in unaufhaltbarer Weise
Durch meine verwirrten Gefühle hindurch.

Stopp!
Doch wir laufen weiter
Kämpfend für das was unser Leben lebenswerter macht
Und der Löwe zieht weiter seine Kreise
Um den Käfig vor dem offenen Grab.

Du, du bist / du warst doch einer von uns,
Doch das Blut deiner Brüder bedeutet dir nichts.
Wir wussten um dich,
Doch geglaubt haben wir es nie.
Wir wollten doch nur Freiheit
Und du schenkst uns Krieg.
Wir wollten dir nichts tun,
Doch so hast du’s dir verdient.
Wir wollten doch nur leben,
Doch du hast mit uns gespielt.
Also ja, ja wir kämpfen weiter
Das Ziel fest im Blick.
Ich finde es lohnt sich,
Doch vielleicht nicht für mich.
Ich kämpfe für Kinder,
Deren Leben noch vor ihnen liegt,
Für meine kleinen Geschwister
Und bin ich auch so verletzlich wie sie,
Ich sterbe für Freiheit
Und lebe die Demokratie.
Wir bekommen sie nicht zu fassen,
Doch wenn nicht jetzt, dann nie.

Ich träume von einem Rohdiamant-Europa,
Der passend für uns geschliffen wird,
Einem Demokratie-Samenkorn,
Das später unsere Früchte trägt.
Ich träume von einem „We’re all in this together“ High School Musical Jahr,
In dem jeder an seinen Erfahrungen wächst.
Ich träume von Europas langweiliger Normalität,
Dem System, das nur an ihren Nerven zerrt.
Ich träume von der Demokratie
Und der Freiheit zu wählen,
Der Freiheit zu sagen, was ich denke
Und wenn es nicht anders geht,
Bezahl‘ ich den Preis eben mit meinem Leben.
Ich hoffe nur, es war nicht umsonst
Und Allah wird mir vergeben
Und die blutgetränkten Wege
Werden auf ewig stehen.

Wir kämpfen mit Freiheit gegen Waffen.
Ein Marathon ins Nirgendwo,
doch nur so können wir es schaffen.
Mutter, du sollst nicht traurig sein.
Mein Tod wird sich rächen.
Sei stolz auf mich und bleibe stark,
denn die Hoffnung, die wird leben.“

-„Ana thalea adsaher“ von Abdulbased Alsarut / frei übersetzt

Wartezimmergedanken

[von Linnea Gehlert]

[Über Warten, Unsicherheit und kollektive Einsamkeit. Auch: über Ungerechtigkeit und Momente des Ausgleichs und Gemeinschaft.]

Wir sitzen in einem Wartezimmer. Ihr wisst schon einer dieser Räume mit Stühlen an allen Wänden und einer Ecke mit Kinderspielzeug und viel zu viel Platz, der bei vollem Andrang plötzlich nicht mehr ausreicht. Und wir warten alle auf das gleiche, aber doch nicht dasselbe. Ich bin noch nicht lange hier – und ihr? Manche standen schon vor der Öffnungszeit an der Tür und müssen eigentlich dringend weiter. Es wird welche geben, die erst ankommen, wenn die ersten schon wieder verschwunden und raus aus der Sache sind. Aber irgendwann sind alle hier und solange wir hier sind, sind alle gleich.

Es ist ziemlich voll, alle Plätze sind besetzt. Manche sitzen auf den Stühlen mit angenehmen Abstand zueinander, andere haben auf dem Sofa Platz genommen und versuchen krampfhaft ihre Schenkel davon abzuhalten, sich zu berühren. Ein paar haben sich auf den Schoß ihrer Verwandten gequetscht. Man muss sich ja ausruhen. Für einige war gar kein Sitzplatz mehr frei, sie stehen verloren im Raum und in die Ecken gedrängt. Man sieht ihnen an, dass das nicht sonderlich angenehm ist. Hin und wieder geht einer von ihnen zu den Stuhlsitzern, die neben sich noch eine Tasche ausgebreitet haben oder ihre Füße ausstrecken und bittet um Platz. Selten wird er gewehrt. Die gibt es nämlich auch. Die, die trotz der vollen und geladenen Stimmung ihre Sachen neben sich auf Stühle stellen oder nicht aufstehen, obwohl sie ja schon recht lange sitzen und man sich ja auch abwechseln könnte.

Jedes Mal, wenn jemand vom Personal am Wartezimmer vorbeiläuft heben sie den Kopf. Sie wollen ganz besonders, dass sich das Ganze entspannt. Nicht, dass sie ihren extra Sitzplatz noch teilen müssen. Wenn wir ehrlich sind machen wir das alle, dieses Nachsehen – ich auch. Vielleicht stehe ich zwischendurch auf, wenn ich kann und sage „setz dich“. Nur werde ich so schnell wieder müde und dann sage ich „bitte“ und kriege meinen reservierten Platz zurück. Ich weiß trotzdem nicht, wie sich stehen müssen anfühlt. Immer ruckt mein Kopf ein kleines bisschen und auch wenn ich es nicht zugebe, werde ich immer nervöser und ich weiß, dass geht euch auch so.

Es gibt Leute, die haben Bücher mitgebracht, Essen, Trinken und Kopfhörer. Die haben mehr als sie brauchen oder genau genug oder nur ihren Hausschlüssel und ein bisschen Kleingeld in der Hosentasche. Manche haben nicht mal das. Dementsprechend sind einige besser im Warten als andere und sagen sich gegenseitig „das die nicht warten können“. Da gibt es die, die viel reden und nicht alle können flüstern und manche versuchen es auch gar nicht. Viele schauen auch einfach nur aus dem Fenster und dann zueinander und schnell wieder weg. Man könnte meinen, sie hätten Angst voreinander und vielleicht haben sie das auch, denn niemand weiß weswegen der andere hier ist und das verunsichert mehr als es sollte.

Manche wippen mit den Füßen. Viele wippen und trippeln und seufzen. „Shht“, zischen die Ruhigen und manche zischen den Ruhigen: „Lass sie doch. Was wisst ihr denn schon von denen?“. In den hinteren Reihen verdrehen manche, die Augen über das Ganze und direkt neben ihnen die, die gar keinen Kopf dafür haben, über das Trippeln nachzudenken.

Da gibt es jene, die schweben. Die einander sagen „es ist alles gut“ und „es wird alles gut“ und „du weißt, da ist nichts“. Aber die wissen, dass da doch was ist. Sie warten darauf, dass sie etwas auf den Boden holt. Aber gleichzeitig würden sie am Liebsten für immer in der Ungewissheit bleiben. Sie haben Angst vor der Angst.

Dazwischen diese taxierend, hocken Realisten. Sie wissen, dass es auch um sie geht, ja. Aber viel mehr beäugen sie die Schwebenden und die Eilenden und die Geduldigen. Und auch wenn sie es nicht zugeben, auch sie sorgen sich.

Und dann gibt es andere, die mit einer Gewalt auf den Boden gedrückt werden, dass sie sich nicht mal mehr sicher sind, ob sie denn überhaupt noch aufstehen können, wenn oder falls die Warterei dann endlich mal vorbeigeht. Ob sie das danach, die Behandlung, die Entlassung überhaupt genießen können. Ob sie je wieder rauskommen.

Und neben ihnen Kinder. Kinder, denen es vorkommt als wären sie schon Jahre hier. Die Spielsachen helfen. Hin und wieder schaut eines auf und dann quengelt es. Alle Erwachsenen schütteln die Köpfe und da ist wieder dieses „shht“ von manchen und dieses „man das sind Kinder, verdammt“, in den Antworten und das unterschwellige „darüber müssen wir jetzt auch noch diskutieren?“. Aber wenn sie alle, alle ehrlich wären, dann sind sie froh, dass die Kinder quengeln, damit sie es nicht müssen.

Wenn die Stille eintritt, dann hört man manchmal leise „Wie geht’s dir?“ und das klingt immer falsch und zu oberflächlich. Aber es hilft. Und während sich die Zeit hinzieht, gibt es auch immer mehr, denen dabei die Tränen in die Augen treten, die sich selbst umarmen. Da sind „ich kann das bald nicht mehr“s neben „du machst das so gut“ und zwischen „ich habe Angst“. So oft „ich habe Angst“ von Menschen, die nicht verstehen, warum die Anderen überhaupt Angst haben. Aber das ist nicht alles. Personen am Eingang, die gerade erst ankamen, kramen nach Taschentüchern für die länger Wartenden. Bei den Spielsachen liest jemand laut ein Buch vor. Man hilft einander, sich auf das Warten einzustellen. Teilt Bücher miteinander und Ladekabel und Beruhigungszigaretten und immer wieder, immer wieder teilt man das Erinnern, das Beruhigen, ein: „das ist nicht für immer“.

Mein stetiger Begleiter

[von Luan Elin]

[Ein Text für alle Menschen, die täglich mit chronischen, körperlichen oder psychischen Krankheiten zu kämpfen haben.]

Vorsichtig ein und ausatmen. Erstmal irgendwo abstützen und irgendwo hinsetzen. Kurz Kraftsammeln, dann gegen den Schmerz atmen. 

Tief Luftholen, ein Stich im Herz. Kurz die Luft anhalten. Erneut versuchen dagegen anzuatmen. Doch es ist als würde eine Hand dein Herz umklammern und immer weiter zudrücken zu einer Faust.

Stechender Schmerz. Anhaltender Schmerz.

Hoffen, dass er irgendwann nachlässt.

Mit dir in meinem Leben ist es eine ständige Achterbahnfahrt.

Du bist mein stetiger Begleiter. Tag ein, Tag aus. Du raubst mir täglich aufs neue meine Kraft. Ein Kampf. Du und ich. Für immer. Geben und Nehmen. Du und ich. Morgens lässt du mich nicht aufstehen. Der Schmerz ist zu groß. Bewegung verbunden mit dem täglichen Leiden.

Tag ein, Tag aus.

Du trägst mich von Ort zu Ort. Und ich hab Angst dich zu verlieren. Du gibst mir Halt durch deine mehr oder weniger standhaften Beine. Ein Wechselrhythmus zwischen sitzen, stehen und gehen.

Sitz-Steh-Geh-Takt. 

20, die magische Zahl. 20 Minuten als Maximum. 20 Minuten-Takt. 

Sitz-Steh-Geh-Takt.

Du und ich. Ein ewiges Auf und Ab.

Doch du gibst mir Halt. Ich schenke dir meine Kraft, du mir die Möglichkeit zu reisen. So versuche ich mich gegen den Schmerz zu bewegen. 

Krampf. 

Schriller Schmerz. Vorsichtig ein und ausatmen. Stechender Schmerz. Atempause. Stillstand. Im Blutrausch verschwimmende Umgebung. Nach Luft schnappen. Hochkochender Puls am Hals. 

Herzklopfen, Herzpochen.

Ich muss raus hier. Du lasst mich nicht atmen. Ich stolpere aus der Tür und du hinterher. Wir begeben uns auf eine Reise durch die uns bekannten Wälder neben an. Zum Bergsee im Wald neben an mit dem himmelblauen Wasser, das im Sonnenlicht so schön glänzt.

Ich renne gegen den pochenden Schmerz. Atemlos. Kopfloses Stolpern statt rennen. Ich renn gegen dieses stillstandbringenden Schmerz an. Als steche ein Pfahl in unser Herz.

Wir sind hier, um dem Wechselrhythmus zu entkommen.

Liegen. Sitzen. Stehen. Gehen. Liegen. Sitzen. Stehen. Gehen. 

Liegen. Sitzen. Stehen. Schwimmen.

Balance finden in unserem krampfhaften Kampf. In unserem täglichen hin und her zwischen Schmerz und Freuden, zwischen Lachen und abrupten Zerstörung durch den Schmerz.

Du machst dich krumm. Ich versuche dich zu strecken, aufrecht zu sitzen, stehen und zu gehen.

Auch wenn ich mehr Schrott als Schroth¹ mache, versuche ich immer daran zu denken, aufrechten zu sitzen, stehen und zu gehen.

Das Nass des Sees umspült uns. Schmerz fällt von uns ab.

Herzklopfen, Herzpochen.

Erholung durch das kraftfreie leichte Schweben und Treiben. 

Kurzes Friedensbündnis zwischen dir und mir. Kraftschöpfen.

Kraftschöpfen für Ich-Zeiten. Zeiten für Schlaf. 

Kraftschöpfen für Zeiten im Einklang. Zeiten für dich und mich.

Kraft für Zeiten, in denen du schwach zu mir sagst: „Hey du, ich kann nicht mehr!“. Und ich dich voller Euphorie überhöre und nicht bedenke, dass du auch mal Zeit für dich brauchst.

Kraft für Zugreisen und Kraft für Bühnenzeiten. Kraft für morgen und Abende wie diese.

Doch hier kann ich Kraft schöpfen.

Herzklopfen, Herzpochen.

Wir lassen uns im Mondlicht treiben.

Ich betrachte dich. Deine weiche Haut, die das Mondlicht reflektiert.

Ich streiche sanft über deine Narbe am Kinn und über deinen Bauch.

Schillernde Mondlichtreflektionen auf der Wasseroberfläche.

Wassersäuselgeflüster. 

Wir tauchen ab. Es ist als würden hundert Stimmen ihre Geschichte in unsere Ohren flüstern.

Wir lassen uns langsam zu unserem Lieblingsplatz bei den Steinen auf dem Grund sinken.

Augen zu. 

Es sind nur Sekunden, doch sind es gefühlte Stunden. 

Sekunden, in volle Länge gedehnt. Dort unten am Grund bei den Steinen. Zu hören ist nur das leise Säuseln des Wassers.

Hier unten entkommen wir den Wechselrhythmus und deinen Schmerzen.

Hier unten entkommen wir den gesellschaftlichen Konstrukten.

Hier unten kann ich wieder jung sein und deine so vermeintlich alte Haut verliert für kurze Zeit ihre Falten. 

Hier sind wir eins und nicht gespalten durch den Schmerz.

Hier unten können wir innerlich aufatmen. 

Hier unten liegt die Quelle deiner und meiner Lebensenergie. 

Und schauen wir nach oben, sehen wir die Mond an der Wasseroberfläche glitzern. 

Unterwassermeditation. 

Wieder aufgetaucht können wir für einen kurzen Augenblick unsere viel zu engen Lungenflügel mit frischer Nachtluft füllen. 

Wieder aufgetaucht lassen wir uns an der Wasseroberfläche im Mondlicht noch ein bisschen treiben. Bevor wir heute schlafen gehen, um morgen auf Bühnen zu stehen, lauschen wir der tobenden Nachtwelt des Waldes. 

Und vielleicht mag mein Arzt Recht haben, wenn er sagt, du gleichst dem Körper einer Oma. 

Omawirbelsäulen und so. 

Aber das ist okay und deshalb ich bin froh, dass du du bist und ich ich. 

Insgesamt sind wir zwar ein bisschen kaputt, aber wir sind schon okay so wie wir sind. 

Ein bisschen krumm. Aber trotzdem hab ich dich gern, denn du bist mein krummer Rücken und meine kaputte Lunge, aber es sind eben auch deine Beine, die mich hierhergetragen haben, die mich hier stehen lassen und über wichtige Themen reden lassen.

¹Katharina Schroth (geb. Bauer; * 22. Februar 1894 in Dresden; † 19. Februar 1985 in Bad Sobernheim) war eine Handelsschullehrerin, die an einer Skoliose erkrankt war. Sie versuchte, diese Wirbelsäulenverkrümmung bei sich selbst zu behandeln, und entwickelte dabei ein neues Konzept der Physiotherapie, die Dreidimensionale Skoliosebehandlung nach Katharina Schroth, die später von ihrer Tochter, Christa Lehnert-Schroth, in deren gleichnamigem Buch umfassend dargestellt wurde. Mit dieser Behandlungsmethode führte Katharina Schroth neue Behandlungselemente in die Skoliosetherapie ein. Neu war einerseits die sogenannte Drehwinkelatmung als Verstärker für die Wirbelsäulenkorrektur über die Rippen, andererseits auch das Ziel, in die Haltungsregulation über das Haltungsempfinden korrigierend einzugreifen. (Wikipedia, 03.04.2020, 13.58 Uhr)

10.01.2020

Neue Generation an Slammerinnen und Slammern im Neuen Ravensburger Kunstverein

Yes, they can! Bei dem New Generation Poetry Slam am vergangenen Freitag im Neuen Kunstverein Ravensburg haben Jugendliche in ausverkauftem Hausdas Publikum in ihren Bann gezogen. Die jungen Poetinnen und Poeten kamen aus Ravensburg, Biberach, Lörrach, Ulm und sogar Alpirsbach. Gekonnt und witzig wurde der Abend von Tobias Heyel moderiert.Im Poetry Slam gibt es nur wenige Regeln: Eine der wichtigsten lautet, dass der Text selbst geschrieben sein muss, Inhalt und Form sind demgegenüber frei. Die jungen Menschen schöpften diese Bandbreite kreativ aus. So bekamen die Zuhörerinnen und Zuhörer in gereimten oder prosaischen Texten Nachdenkliches über den Verlust geliebter Menschen oder Freundschaft zu hören, ebenso politisch kämpferische Texte über LGBTQ und charmant Witziges über Ulm oder eine fiktive Bewerbung bei dem Magazin „BEEF!“ als ironische Anmerkung zu Männlichkeit und Fleisch. Das spannende Finale zwischen Felicitas Müller-Wiegräfe aus Bad Waldsee und Jonas Neuhäuser aus Ulm konnte Felicitas mit einer engagierten und kritischen Betrachtung über die AfD für sich entscheiden. Bereits am Tag zuvor gewann sie den Ulmer Hörsaal-Slam. Doch im Grunde waren alle Poetinnen und Poeten Gewinnerinnen und Gewinner, denn jederText begeisterte und berührte. Der Abend hinterließ nur glückliche Gesichter. Wir freuen unsdaher schon auf die nächste Runde des New Generation Slams. Für August plant der Ravensburger Verein „sprachmächtig“ in Zusammenarbeit mit dem KultuReservoir Biberach und dem Neuen Ravensburger Kunstverein bereits den nächsten U20-Slam.

10.01.2020

Neue Generation an Slammerinnen und Slammern im Neuen Ravensburger Kunstverein

Yes, they can! Bei dem New Generation Poetry Slam am vergangenen Freitag im Neuen Kunstverein Ravensburg haben Jugendliche in ausverkauftem Hausdas Publikum in ihren Bann gezogen. Die jungen Poetinnen und Poeten kamen aus Ravensburg, Biberach, Lörrach, Ulm und sogar Alpirsbach. Gekonnt und witzig wurde der Abend von Tobias Heyel moderiert.Im Poetry Slam gibt es nur wenige Regeln: Eine der wichtigsten lautet, dass der Text selbst geschrieben sein muss, Inhalt und Form sind demgegenüber frei. Die jungen Menschen schöpften diese Bandbreite kreativ aus. So bekamen die Zuhörerinnen und Zuhörer in gereimten oder prosaischen Texten Nachdenkliches über den Verlust geliebter Menschen oder Freundschaft zu hören, ebenso politisch kämpferische Texte über LGBTQ und charmant Witziges über Ulm oder eine fiktive Bewerbung bei dem Magazin „BEEF!“ als ironische Anmerkung zu Männlichkeit und Fleisch. Das spannende Finale zwischen Felicitas Müller-Wiegräfe aus Bad Waldsee und Jonas Neuhäuser aus Ulm konnte Felicitas mit einer engagierten und kritischen Betrachtung über die AfD für sich entscheiden. Bereits am Tag zuvor gewann sie den Ulmer Hörsaal-Slam. Doch im Grunde waren alle Poetinnen und Poeten Gewinnerinnen und Gewinner, denn jederText begeisterte und berührte. Der Abend hinterließ nur glückliche Gesichter. Wir freuen unsdaher schon auf die nächste Runde des New Generation Slams. Für August plant der Ravensburger Verein „sprachmächtig“ in Zusammenarbeit mit dem KultuReservoir Biberach und dem Neuen Ravensburger Kunstverein bereits den nächsten U20-Slam.