[von Anni Niederer]

Schritt für Schritt werden wir älter.
Tag für Tag erfahrener und Jahr für Jahr ein bisschen weiser.
Sagen sie, die, die sich „alt“ nennen.

Doch eine Frage stell ich mir: wann ist mal „alt“, wann wird man „älter“ und wann ist man so richtig alt?

Das Leben, ist eine Reise.
Eine Reise, die wir spontan gebucht haben, ohne zu wissen, auf was wir uns alles einlassen müssen.
„Leb doch dein Leben“, sagen sie, „Mit dir will ich älter werden“, versprechen sie und wissen noch nicht mal, was das bedeuten soll.
Die Frage, wann man wirklich lebt, nun, das kann ich nicht beantworten.
Doch die Vorstellung allein, jeden Tag was Schönes zu sehen, was Interessantes zu lernen, Lieblingsmenschen um sich zu haben oder auch die Geduld zu besitzen, die Nicht-Lieblingsmenschen in das nächste Kühlhaus zu stecken,
ist für mich schon Tatsache genug, darüber nachzudenken, wie schön das eigentlich ist.
Das, was wir hier leben können.
Und alles, was dazugehört, erleben und wahrnehmen können.

Kannst du dich noch an deinen ersten Urlaub erinnern?
Oder als du das erste Mal in deinem Leben das Meer gesehen hast?
An eine deiner größten Enttäuschungen, die du bis heute nicht verkraftet hast und die Schlussfolgerung, die du daraus gezogen hast?
Bei mir war es mein erster Urlaub mit Papa allein.
Ich wollte unbedingt das Meer sehen.
Habe mir ausgemalt, wie wir mit Eis in der Sonne am Strand spazieren gehen,
wie mir die warmen Meereslüfte durch die Haare wehen,
Und wir, Papa und ich, den Sonnenuntergang über dem Meer ansehn.

Doch stattdessen war mein erster Blick auf ein großes, sandiges Nichts.
Die dunklen Regenwolken, die kalten Regentropfen, der kalte Regenwind und mein Gesicht voller Enttäuschung, als ich den Daich hinaufgerannt bin und feststellen musste, dass dieses „Meer“ nicht existierte.
Nach der Erklärung, was Ebbe und Flut sei, habe ich mich von meinen Palmen-Träumen verabschiedet.
Nun, Nordsee habe ich mir zugegeben etwas anders vorgestellt.
Aber hey, jetzt weiß ich wenigstens, was Ebbe und Flut ist!

Auf unserer Lebensreise erleben wir auch Ebbe und Flut.
Ebbe, in Form von Inhaltslosem Alltag, blöde Menschen, blöde Situationen, kalte Regenwetter und Enttäuschungen.
Sonne, Urlaub, Kuchen, Geburtstag, Weihnachten, Schnee, und alles was uns glücklich macht überflutet uns mit einem Lächeln im Gesicht.
Lächeln, ja das können manche nicht, oder haben es verlernt.
„Mädchen, lach doch mal“ möchte ich manchen Leuten befehlen,
aber sich über etwas freuen können, auch das kann manchmal eine Kunst sein.

Aber mit jedem Tag und jeder Herausforderung werden wir erfahrener, weiser und auch ein bisschen klüger.
Manchmal müssen wir spontan einen Urlaub buchen und mal schauen, was daraus wird.
Manchmal müssen wir lernen, mit Ebben und Fluten umgehen zu können.
Und all das, das wir auf unserer Lebensreise lernen und erleben,
das ist Älter-werden.
Geschichten erzählen, über sich selbst lachen, Wissen weitergeben und anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, auch denen, die es verlernt haben.
Doch das Schönste und wichtigste daran ist, dass man nie vergisst, was einen sein ganzes Leben zum lächeln gebracht hat.

Ich kann nicht sagen, was es heißt, zu leben.
Aber ich kann sagen, dass es schön ist. Und dass ich älter werden will.
Dass ich all das erleben möchte und später, wenn ich alt bin, an all das älter werden denken kann und darüber lächeln kann.

Leb dein Leben, reise und lach
und tu das, was dich beim älterwerden glücklich macht.